Hinterpfotenläufer
Das Leben des Nachtauge
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Eine Erzählung von Benjamin Rommel (6M)
Es war dunkel, aber ich ließ mich dadurch nicht beeindrucken. Ich war mit meinen Eltern auf Jagd. Die Besonderheit: mitten in der Nacht. Ja, ja, für Luchse ist das eigentlich nichts Besonderes. Also nichts SEHR Besonderes. Aber für mich, einen jungen Luchs, der übrigens sehr neugierig ist, doch sehr interessant. Ich war fast zweieinhalb Jahre alt, also noch ziemlich jung und unerfahren. Aber meine Eltern Brand und Narzisse und meine Schwester Forellensprung waren ja da.
Gerade balgte ich mit meiner dreieinhalbjährigen Schwester, die um Einiges größer war als ich. Doch unsere Eltern sagten: „Ruhig jetzt! Wir befinden uns jetzt in ihrer Nähe.“ Das bezog sich auf den Grund, weshalb wir nachts jagen gingen, denn im Wald lauerten unsere Feinde. Ein riesiges Wolfsrudel, mindestens dreißig Wölfe! Ein Wunder, dass es überhaupt noch Beute gab! Brand aber wollte sich nicht von dem Rudel aus dem Wald vertreiben lassen, das vor nicht sehr langer Zeit in den Wald eingezogen war. SEINEN Wald! Hier lebte seine Familie schon seit Generationen. Er meinte häufig: „Das Rudel wird schon irgendwann weiterziehen.“ Also jagen wir jetzt immer nachts, weil es tagsüber viel zu gefährlich ist.
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Auf einmal blieb mein Vater stehen und deutete mit dem Kopf auf in Gebüsch. Dort hockte ein fettes Kaninchen und knabberte an ein paar Zweigen. „Schleich dich an und töte es, wie ich es dir gezeigt habe“, sagte Narzisse zu mir. So schlich ich mich an, sprang, landete direkt auf dem Kaninchen und wollte es gerade töten, als ich wegrutschte und im Dreck landete. Ich hatte das Kaninchen aber so sehr verletzt, dass es nicht mehr in der Lage war wegzulaufen, aber dafür fiepte es jetzt wie verrückt und bewegte die Pfoten, dass es nur so raschelte. Sofort schrie Brand: „ Los, auf einen Baum!“ Meine Schwester sprang mit einem Satz auf die mittleren Äste einer Buche. Ich packte das Kaninchen und lief zum nächstbesten Stamm, während ich hinter mir das Heulen vieler Wölfe hörte.
Da raschelte es vor mir im Gebüsch und ein riesiger Wolf trat daraus hervor. „Na“, sagte er, „was haben wir denn da?“ Vor Schreck ließ ich das Kaninchen fallen und wich zurück. Da raste Brand auf den Wolf zu und ging ihm direkt an die Kehle. „Rühr ja meinen Sohn nicht an“, zischte er und der Wolf und er boten sich einen Kampf, wie ich ihn noch nie gesehen hatte.
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Da stürzte plötzlich ein Dutzend Wölfe aus dem Unterholz und mit letzter Kraft sprang ich zu meiner Mutter auf einen unteren Ast des Baumes. Ich schaute mich um und erwartete, meinen Vater irgendwo zu entdecken oder ihn hinter mir heraufspringen zu sehen. Aber beides traf nicht ein. Ich bekam ein mulmiges Gefühl.
Bald darauf zogen die Wölfe sich wieder zurück. Kurz danach hörten wir ein schwaches Stöhnen und Forellensprung schrie: „Das ist Brand, seht doch!“ Und tatsächlich lag Brand an den Baum gelehnt und in der riesigen Blutlache seines eigenen Blutes. „Brand, oh Brand!“, flüsterte Narzisse entsetzt. Dann drehte sie sich ruckartig zu mir um, ihre Augen funkelten. „Wegen dir ist er gestorben! Nur weil du ein so schlechter Jäger bist. Geh und komm erst wieder, wenn die Bäume nach dieser kalten Zeit wieder Blätter tragen!“, knurrte sie mich an und zeigte mir die Zähne, um ihre Drohung zu verdeutlichen. Ich drehte mich um und rannte weg. So weit weg, wie ich nur konnte.
Als ich dann doch mal eine Pause machen musste, dämmerte der Morgen schon. Müde, erschöpft und furchtbar traurig legte ich mich unter einen Felsen, der aus dem Waldboden ragte, und schlief ein. Ich träumte von dem riesigen Wolf, der meinen Vater getötet hatte, und im Traum tötete er auch meine Mutter und Forellensprung. Winselnd fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Es war schon relativ spät, die Sonne berührte die Baumwipfel und der Felsen, unter dem ich geschlafen hatte, wurde in ein goldgelbes Licht getaucht. Mein Magen knurrte und ich beschloss, nach etwas Essbarem zu suchen. Ich umrundete den Felsen und erblickte ein paar Luchssprünge weiter eine Höhle.
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Diese bestand aber aus übereinandergestapelten Baumstämmen – eine Höhle, wie nur Hinterpfotenläufer sie bauen konnten. Neugierig nahm ich Witterung auf und merkte, dass der Geruch abgestanden und alt war. Also befand sich niemand darin. Ich lief zur Höhle hin und suchte nach einem Eingang, fand aber erstmal keinen. Ich stupste die vier Höhlenseiten mit meiner Schnauze an und fand so schließlich einen Eingang. Ich stemmte meine Schulter gegen das Holz, mit dem er verschlossen war, und konnte es wegdrücken.
Was ich sah, verdutzte mich total: Vor mir befand sich ein sich drehendes und wirbelndes schwarzes Loch. Sofort war meine Neugier geweckt und gleichzeitig kämpfte ich mit meiner Angst. Schließlich gewann aber – wie fast immer – meine Neugier. Und ich tappte auf das Loch zu und versuchte, es mit der Schnauze anzustupsen. Aber es gelang mir nicht. Daraufhin fasste ich den Entschluss, dass ich, wenn ich wissen wollte, was sich hinter diesem Loch verbarg, durch das Loch springen musste. Ich schloss meine Augen und sprang…
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Als ich meine Augen wieder öffnete, war die Höhle verschwunden. Ich lag auf kaltem Steinboden. Ich stand auf, um meine Umgebung zu erkunden, aber als ich auf allen vier Pfoten stand, fühlte diese Position sich irgendwie unangenehm an. Ich schaute auf meine Pfoten, und was ich da sah, verblüffte mich richtig. Meine Zehen hatten sich um eine Pfotenlänge verlänger, meine Krallen lagen plattgedrückt auf den Spitzen meiner Zehen und mein Fell war weg. Völlig verdutzt schaute ich auf meine Vorderbeine. Sie waren fast ganz kahl bis auf ein winziges, nicht schützendes Etwas, das man nicht Fell nennen konnte. Auch mein Sehvermögen war viel schlechter geworden und mein Gehör hatte nachgelassen.
Da traf mich die Erkenntnis: Ich war ein Hinterpfotenläufer geworden. Das erklärte das neue Körpergefühl! Nach einem logischen Umkehrschluss stellte ich mich also auf die Hinterbeine und konnte problemlos stehen. Ich war so fasziniert, dass ich laut juchzte, denn ich war immer schon der Neugierigste in der Familie gewesen und dieses Gefühl übertraf alles, was ich je gesehen und ausgekundschaftet hatte.
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Leider wurde so die Hinterpfotenläufertraube, die ganz in der Nähe stand, auf mich aufmerksam und ein Männchen kam zu ihm herüber. „Was“, fragte er, „freust du dich denn so?“ Ich war aber viel zu verdattert, um zu antworten. Ich konnte die Hinterpfotenläufersprache verstehen. Ich guckte ihn nur ratlos an und er fragte: „Kannst du mich verstehen?“ Ich antwortete zaghaft: „Ja.“ „Gut“, sagte er, „und warum freust du dich denn jetzt so?“
Da spuckte es aus mir heraus: „Ich kann ganz lange auf den Hinterbeinen stehen und ich kann eure Sprache – die Hinterpfotenläufersprache – sprechen und verstehen. Und ich sehe euch ähnlich!“ Erst schaute der Mann verblüfft, aber dann fasste er sich wieder und lachte laut auf: „Wie hast du uns genannt? Hinterpfotenläufer? Man nennt uns Menschen, falls du das nicht weißt. Und du gehst nicht auf deinen Hinterbeinen sondern auf deinen Beinen. Was du wahrscheinlich deine Vorderbeine nennst, nennt man bei uns Menschen Arme. Und zu deiner letzten Aussage: Du siehst nicht nur aus wie ein Mensch, du bist ein Mensch, was dachtest du denn?“
„Ich bin eigentlich, glaube ich, ein Luchs, aber ich habe mich verändert und …“ „Hahaha, du ein Luchs? Du bist ein Mensch! Du stehst gerade vor dem Kollosseum in Rom. Und wo ist eigentlich dein Gladius?“ „Mein was?“ „Dein Gladius. Dein Schwert.“ „Wozu brauche ich denn ein Schwert?“ „Na, es könnte die ganze Zeit jemand über uns herfallen. Jedes Kind ab dem Alter von acht Jahren braucht ein Gladius, ein Kurzschwert. Ab zwölf Jahren brauchst du eine richtige Ausrüstung mit Helm, Schild und Speer. Weißt du denn, wie alt du bist?“ Ich wusste es natürlich nicht und deshalb schüttelte ich den Kopf. „Also ich schätze dich auf zehn Jahre“, sagte der Mann.
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„Siehst du das Gebäude da vorne? Du weißt doch, was ein Gebäude ist, oder?“ „So wie ein Höhle“, erklärte ich. „Ja, ungefähr so. Also da drin gibt es gebrauchte Waffen für sehr wenig Geld.“ Er gab mir ein paar flache, kalte Steine aus einem sonderbaren Material. Ich war ein bisschen verwirrt und er erklärte: „Das nennt man Geld. Denn hier jagt man nicht, sondern bezahlt für Essen und für andere Sachen. Jetzt aber musst du dich beeilen, bevor eine Patrouille kommt und dich erwischt. Es gibt Ärger, wenn du dich ohne Gladius hier herumtreibst!“ „In Ordnung. So mache ich es. Danke, dass du mir das erklärt hast.“ „Ähm, eins noch.“ „Ja?“ „Wenn du das Schwert gekauft hast, rate ich dir: Geh ins Kollosseum, denn dort findet gleich eine Sensation statt. Ich gehe da auch hin. Tschüss.“
So schnell wie ich konnte, rannte ich auf meinen Menschenbeinen zu dem Gebäude, auf das der Mann gezeigt hatte, und drückte gegen den Verschluss der Tür und stieß ihn so nach hinten, aber anstatt umzufallen, flog sie zur Seite. Eine Stimme sagte: „Tür zu!“ Und endlich wusste ich, wie der Verschluss genannt wurde: Man nannte ihn TÜR. Ich guckte den Mann hinter dem vierbeinigen Holzgestell an und sagte: „Ich möchte ein Gladius kaufen.“ Der Mann stand auf und fragte: „Wie viel Geld hast du denn dabei?“ Ich zeigte ihm die Münzen. „Mmh“, machte er, „na gut, dann lass uns mal gucken.“ Er zeigte verschiedene Schwerter hervor und schließlich fragte er mich: „Wie gefällt dir das hier?“ und zeigte mir ein gold schimmerndes Schwert. Ich war damit einverstanden und nickte: „Das nehme ich.“
Er gab mir ein breites Stoffband mit einer Lasche und ich folgerte daraus, dass das Gladius in die Lasche gesteckt wird. „Wo muss ich das herumbinden?“, fragte ich und er zeigte es mir. Schließlich verließ ich den Laden (so hieß das, wo ich das Schwert gekauft hatte) und machte mich auf den Weg zum Kollosseum, gelangte problemlos zu den Sitzplätzen und ließ mich nieder. Es wurde gerammelt voll in der Arena und es war drückend heiß.
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Dann begann das Spektakel und fünf bis sechs wilde Tiere wurden in die Arena gelassen. „Ein Tiger, zwei Löwen, drei Leoparden und“, schrie ein Mann in einen Trichter, „die Sensation: ein Luchs!“ Ich schnappte nach Luft und schloss die Augen, als die Tiere schließlich anfingen zu kämpfen. Irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen und sprang in die Arena, zog mein Schwert und stellt mich schützend vor den Luchs. Die anderen Tiere knurrten mich an, kamen aber nicht näher. Der Sprecher am Trichter rief: „Wachen! Hier ist ein Junge, der stört die Spiele!“ Da öffnete sich ein Tor in der Wand der Arena und drei bewaffnete Männer kamen angestürmt.
„Lauf!“, flüsterte ich dem Luchs ins Ohr und stellte mich den Männern entgegen. Als sie auf zehn Meter an mich herangekommen waren, warf ich mein Schwert auf sie und sprintete los, auf die Männer zu, sah, wie der Luchs hinter ihnen im Tor verschwand und zwei Meter vor ihnen stieß ich mich vom Boden ab und landete hinter den völlig verblüfften Wachen geradewegs vor dem Tor und stürmte dem Luchs hinterher. Dieser hatte auf mich gewartet und lief nun neben mir. Zusammen rannten wir an hunderten von Türen vorbei und da war endlich die Ausgangstür. Aber meine Schritte stockten, als ich sah, was hinter der geöffneten Tür lag: ein sich drehendes und wirbelndes weißes Loch. Und ich verstand: Die Tür würde mich zurückbringen. Zurück in mein Leben. Das Leben des Nachtauge. Entschlossen sah ich den Luchs an, deutete auf die Tür und zusammen sprangen wir in das grelle Weiß…
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Ich erwachte und öffnete meine Augen. Ich lag vor einer Höhle, einer richtigen Höhle. Eine Höhle, die mir sehr bekannt vorkam. Die Höhle meiner Familie. Als ich aufstand, stellt ich mich auf meine Beine. Aber nur kurz, denn ich konnte die Balance nicht sehr lange halten. Ich guckte auf meine Hände. Sie waren Pfoten und ich war wieder ein Luchs. Ich schaute zur Seite. Neben mir lag der Luchs, den ich aus der Arena gerettet hatte. „Wer bist du?“, fragte ich ihn, nachdem er wieder zu sich gekommen war, „und wie heißt du?“ „Ich heiße Brand und ich bin dein Vater.“
Ende
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