Shortstories: Oswald
Grime
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Ein Text von Oswald Lehmann (10T1).
„Es kann nur einen Mann im Haus geben”, sagte er. Meine Wange war noch glühend rot und mit verweinten Augen sagte ich: „Du hast recht.” Ich packte meine Sachen und ging hinaus und da war er: Grime. Grime war schon seit Jahren mein bester Freund, und um ehrlich zu sein, musste ich etwas grinsen, als ich ihn da sah. Ich sprang auf und fuhr los, ohne zu wissen, wohin und wie es weitergehen würde. Nur noch Grime und ich, allein zusammen. Ich habe Grime zuerst kennen gelernt, als ich 14 war, mittlerweile bin ich 16 und ich liebe ihn immer noch wie an Tag eins. Ich kümmere mich oft um ihn, und wenn ihm was geschehen würde, wäre ich definitiv am Ende. Ich und Grime haben eine scharfe Kurve genommen und schon konnte ich den Wind in meinen Haaren spüren. Danach fuhr ich am verlassenen Hafen vorbei. Ich bin sehr unvorsichtig gefahren und ich hatte Grime kurz nicht unter Kontrolle; das Rad hat gewackelt und schon lag ich auf meiner Backe. Wo war ich gelandet? Ein Jugendlicher ohne Bleibe und dadurch auch ohne Perspektive.
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Ich habe mich dazu entschieden, mit Grime zusammen das Grab meiner Mutter aufzusuchen, nach längerem Fahren kamen wir am Grab an. In der Ferne sah ich den Sonnenuntergang und ihr Grab war umgeben von Blumen. Hier flogen viele Bienen herum. Kein Wunder, es war ja auch Sommer. Ich stellte Grime zur Seite und sprach zu ihr: „Wieso musstest du mich so alleine lassen?” Ich stand unter großer Trauer und der einzige, der gerade für mich da war, war Grime. Ich hatte zuvor noch nie so einen guten Freund wie Grime, aber leider war er auch mein einziger.
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Ich habe die nächsten Tage also nur mit Grime verbracht und habe oft auf Parkbänken meine Aufgaben für die Ferien gemacht; einen anderen Ort hatte ich ja nicht. Ich habe regelmäßig auch meine Mutter besucht, und um ehrlich zu sein, hat mir die Zweisamkeit mit Grime echt gut gefallen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Wieso zum Teufel bedeutet mir Grime so viel? Materialismus ist doch gar nicht wichtig im Leben, also muss ich auf andere wie ein Verrückter wirken. Trotz alldem ist mir Grime doch sehr wichtig und ich erinnere mich, wie ich damals mit Grime und ein paar Kumpels durch die Gegend gefahren bin und wir einfach Idioten waren. Naja, aber der Lauteste ist auch irgendwo der Einsamste, sagt man das nicht so?
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Als ich dann erwachsen wurde und Jahre später eine eigene Wohnung, eine Freundin und einen guten Job hatte, bin ich eines Abends hinausgegangen, nur um zu sehen, dass mir Grime gestohlen wurde. Ich habe mir kurz darauf einfach ein neues Fahrrad gekauft.
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Und hier kommt noch ein weiterer Text von Oswald.
Autophobie
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Ich bin ein Wolf. Umgeben von einem Rudel, jederzeit sozial, mutig und elegant zugleich. Abends schaue ich mir gerne den Mond mit meinem Rudel an und wir alle fangen an zu heulen. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, wieso wir dies machen, aber ich versuche mit jedem aus unserem Rudel klarzukommen, also mache ich einfach mit. Nachts schlafen wir alle allein, aber ich mag es nicht. Wenn ich allein bin, bin ich gezwungen mir über mich Gedanken zu machen, und dann sehe ich es ganz klar vor meinen Augen: Alleine bin ich unsozial, feige und überhaupt nicht elegant; ich bin hässlich. Nachts weine ich mich oft in den Schlaf, aber ich lasse mir das nicht anmerken, weil ich nicht will, dass mein Rudel sich um mich Sorgen macht. Ich allein bin unwichtig und unser Ziel ist es, uns zu versorgen, indem wir auf Jagd gehen.
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Naja, das war zumindest unser Ziel, bis etwas geschah. Ich kanns nicht wirklich beschreiben, aber als ich eines Tages aufwachte, war alles voller Rauch und ich sah den blauen Himmel nicht… Heute war er seltsamerweise rot. Ich lief tiefer in den Wald und wurde plötzlich ohnmächtig. Nachdem ich aufgewacht war, sah ich mich um. Alles schwarz. Einige Freunde von mir schliefen und ich versuchte sie zu wecken. Reglos lagen sie alle da. So ging ich erstmal weiter durch den Wald.
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Was war passiert? Ich fragte mich das die ganze Zeit, und um ehrlich zu sein, war ich noch nie alleine so tief im Wald. Ich habe angefangen, mir Sorgen zu machen, und viele Gedanken haben mich überflutet, primär der Gedanke, dass ich sterben werde. Ich bin alleine, also habe ich so gut wie keine Möglichkeit zu überleben, oder? Plötzlich entdeckte ich etwas in der Ferne; ein Reh? Die Leere in meinem Magen wurde immer größer und ich wollte loslaufen, aber irgendwie konnte ich nicht. Alle sagen zu mir, dass ich sehr gut im Jagen bin, aber um ehrlich zu sein, fühle ich mich komplett anders und meine Meinung ist die wichtigste, oder? Ich fühle mich wie ein stinknormaler Hund und ich brauche einfach Gesellschaft und ich - Wo ist das Reh? Es ist verschwunden und ich habe doch mein Bestes gegeben. Ich sag es doch, ich bin ein stinknormaler Hund.
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Die Leere in meinem Magen war immer noch groß und nach langem Laufen kam ich an die Autobahn. Die Autobahn war für mich immer ein magischer Ort, viele vorbeirauschende anmutige Autos. Damals sind wir im Rudel hier vorbeigelaufen. Eines Tages möchte ich wie ein Auto sein. Furchtlos und schnell. Der Mond leuchtet mir in mein Gesicht und ich laufe tiefer in den Wald rein, bis ich an eine Brücke komme. Alt, antik, brüchig, es gibt viele Worte, die diese Brücke gut beschreiben. Sie hing direkt über einem Fluss und ich wusste, wenn ich da hineineinfiele, war es das für mich.
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Das Problem ist aber, dass ich da unbedingt rüber wollte, weil auf der anderen Seite ein anderes Rudel lebt. Daran erinnere ich mich noch von unseren früheren Jagden. Ich bellte vor Nervosität. Meine Stimme war brüchig, das weiß ich noch und ich habe angefangen zu denken: Was, wenn sie zusammenbrechen würde? Was, wenn ich sterben würde? Ist es das eigentlich wert zu leben, wenn man ganz allein ist? Millionen von Gedanken überfluteten meinen Kopf und plötzlich sah ich einen anderen Wolf auf der anderen Seite der Brücke. Er bellte mich an und signalisierte mir klar, dass ich herüberkommen sollte. Ich lief ziemlich schnell und anmutig über die Brücke und machte mich mit meinem neuen Kumpel bekannt.
Irgendwie fühlte ich mich danach so, als ob ich etwas geschafft hätte, obwohl ich weiß, dass das nicht der Fall ist.
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Das ist ein echtes Leseerlebnis, beide Geschichten sind vielschichtig und mitreißend, die dargestellten Erfahrungen und Emotionen erstaunlich! Fremde und bekannte Gedanken wie Assoziationen bilden eine "neue Welt" aus Traum und Realität - sehr lesenswert und gelungen!!!
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